Rede zur Atomkraft in Frankreich

Die bekennende französische Atomgegnerin und „rebellische“ Aktivistin Cecile Lecomte (in der Szene Eichhoernchen genannt) hatte in Grohnde vor dem AKW bei der Demo über die Atomkraft und Repression in Frankreich berichtet. Es zeigt sich, dass die Franzosen eine andere Mentalität haben und dazu auch (noch) eine völlig andere Sicht auf die Gefahren und Risiken der Nutzung der Atomenergie.

Im Anschluss hat sie mit Aktivisten von Robin Wood in einer unangemeldeten Veranstaltung eine Brücke einer zweiten Zufahrt zum AKW Grohnde besetzt. Zusammen mit der angemeldeten Mahnwache war das AKW so für einige Zeit blockiert und die Zufahrt der Mitarbeiter zum Schichtwechsel gestört. Sie hat so maßgeblich mit den Robin Wood Aktivisten für die wichtige Medienpräsenz der Demo und der erheblichen Risiken, die vom AKW ausgehen, gesorgt!

Cecile hat uns ihren Redetext zur Verfügung gestellt, damit wir möglichst viele Menschen darüber informieren.

Über explodierende Öfen in einer Atommüllverbrennungsanlage in Marcoule und verstahlte Opfern, über Wolken die Halt an der Grenze machen, Pfush im Beton des EPR-Reaktors, international widerständige Menschen in Frankreich sowie über Repression gegen Engagierte.

Pfusch, Gewalt, Geheimnis und Vertuschung: Diese Begriffe bringen die französische Atompolitik auf den Punkt.

Sechs Monate nach dem schrecklichen dreifachen GAU in Fukushima hielt eine weitere atomare Explosion zahlreiche Menschen in Atem. Im Südfranzösischen Marcoule ereignete sich am 12. September 2011 ein schwerer Unfall in einer Atommüllverbrennungsanlage. Ein Arbeiter kam bei der Explosion eines Ofens ums Leben, 4 weitere wurden zum Teil schwer verletzt. Über diesen „nicht atomaren Industieunfall“ (wie ihn der Innenminister nannte!) wurde die Öffentlichkeit erst zwei Stunden nach der Explosion informiert. Und natürlich hieß es, Radioaktivität sei nicht ausgetreten, keiner der ArbeiterInnen sei verstrahlt worden.

Wenige Tage später verdichteten sich – wie oft wenn es um die Atomkraft geht – Hinweise auf Vertuschung.
Von Glück kann -wenn es Tote gibt- überhaupt nicht die Rede sein. Aber ja das ist irgendwie Glück im Unglück. Der toter Arbeiter stammte aus Spanien und dort stellte man sich viele Fragen, als der Arbeiter beerdigt wurde, die nicht geklärt wurden. Die Leiche des Opfers durften sich nicht einmal seine Verwandten anschauen – weil der Tote in einem speziellen gepanzerten Sarg gelegt wurde. Gut unterrichteten Kreise der Justiz zu Folge war es nicht möglich die Leiche zu dekontaminieren, so dass die Leiche als schwachradioaktiven Müll zu verpacken war.

Für Empörung sorgt weiter, dass sowohl die für die Atommüllverbrennung zuständige Firma Socodei (eine Tochterfirma des staatlichen Stromversorgungsunternehmens EDF) als auch die Regierung über die Herkunft des Atommüll – und dessen radioaktives Inventar schweigen!
Eine militärische Herkunft? Vielleicht plutoniumhaltiges Atombombenmaterial? Es gibt viele Vermutungen.
Es spricht etwas für militärisches Atommaterial, weil einer der schwerverletzten Opfer inzwischen im Militärkrankenhaus liegt. Über seinen Gesundheitszustand und darüber ob es verstrahlt wurde wird nichts erzählt. Das ist Militärgeheimnis – genauso wie alle die Sicherheit von Atomanlagen betreffenden Informationen in Frankreich.
Aktuelle Infos zum Thema gibt es bei Sortir du nucléaire.

Geheimnis und Vertuschung gab es ebenfalls in der Aufklärung um die radioaktive Verseuchung Frankreichs durch die Technobyl-Wolke. Offiziellen Angaben zu Folge blieb die atomare Wolke direkt an der Deutschen Grenze stehen. Denn Frankreich wurde angeblich nicht kontaminiert! Es wurden – anders als in Deutschland – keine sanitären Maßnahmen getroffen. Mehrere Hundert Menschen, die in Folge von Tschernobyl an Schuldrüsenkrebs leiden, haben den Staat verklagt. Wenige Tage nach dem GAU in Fukushima beantragte die Staatsanwaltschaft, das Verfahren klanglos einzustellen. Dem folgte inzwischen das Gericht!

Und während dessen gehen die kriminellen Machenschaften der Atomlobby weiter. Wenn das Leben von Millionen Menschen gefährdet ist, das nenne ich kriminell!

In Flamanville, in der Nieder-Normandie wird ein neues Atomkraftwerk gebaut.
Der so genannter EPR sollte ursprünglich 3 Milliarden Euro kosten. Inzwischen sind wir aber bereits bei 6 Milliarden. 2007 wurde ein Aktivist vom Französischen Netzwerk Atomausstieg durch den inneren Geheimdienst des Militärgeheimnisverrates bezichtigt, als er eine Studie zu den Sichrheitsmängeln des Reaktors veröffentlichte. Ich selbst stand in Cherbourg vor Gericht, weil ich mich an einer Strommasbesetzungsaktion gegen diesen Reaktor beteiligte.

Inzwischen bemängelt aber selbst die französische Atomaussichtsbehörde ASN den Pfush am Bau. Das Betonfundament des Reaktors ist porösen. Pfusch sind auf der Tagesordnung den Baustellen. Siehe das Stadtarchiv in Köln. Auf diesem Beton in Köln stand ein Stadtarchiv. In Frankreich wird auf dem Betonsockel ein Atomreaktor stehen! Der Bau hat inzwischen über zwei Jahre Verzögerung. Hoffentlich wird aus diesen zwei Jahren eine Ewigkeit!

Das sind alles keine erfreuliche Nachrichten aus Frankreich. Aber dort gibt es selbstverständlich zahlreiche Menschen, die sich gegen diese tödliche Industrie engagieren!

Dank der mühsamen Arbeit der AktivistInnen ist das Thema Atomkraft zum ersten Mal Thema im Wahlkampf für Wahlen auf nationaler Ebene. 2012 stehen in Frankreich Präsidentschaftswahlen an! Nicht dass ich für Wahlen und die Politik von oben werben will. Jeder kennt den Spruch… „wenn Wahlen etwas verändern würden, wären sie verboten“. Aber es zeigt dass das Thema es allmählich in die Öffentlichkeit schafft.

Am 15. Oktober wird es dezentral in 7 verschiedenen französischen Städten Demonstrationen gegen die Atomkraft geben.
Zum Beispiel in Straßbourg an der Grenze zu Deutschland!
Weil Radioaktivität keine Grenzen kennt, darf unser Widerstand auch keine Grenzen haben.

Ihr seid alle nach Straßbourg herzlich eingeladen nach Straßbourg zu kommen!
Infos gibt es hier: www.sortirdunucleaire.org

Global denken und Lokal handeln, das ist auch ein wichtiger Ansatz.
Der Atomausstieg – angenommen wir hätten wirklich einen in Deutschland – bringt den Deutschen nichts wenn es auf der anderen Seite der Grenze knallt. Das ist kein Atomausstieg, wenn in Deutschland die Urananreicherungsanlage in Gronau erweitert wird. Wenn Brennstoffe für AKWs aus Gronau und Lingen ins Ausland geliefert werden.
Der Uranhahn muss sofort zu gedreht werden!
Wir müssen Druck machen, es darf nicht sein, dass der Protest gegen die Urananreicherungsanlage in Gronau nur von regionaler Bedeutung bleibt!

Und weil die Aktivistinnen in Frankreich auch wissen, wie wichtig internationaler Protest ist, werden sie dieses Jahr erneut gegen den Castortransport von La Hague nach Gorleben protestieren.

Meinen Beitrag schließe ich mit einem Lob an die AktivistInnen vom GANVA. Die AktivistInnen dieser französischen gewaltfreien Aktionsgruppe stellten sich im November 2010 dem Castortransport in dem Weg. Nachdem der Zug zum Stehen gebracht worden war ketteten sich 4 von ihnen an den Schienen fest. Drei Stunden konnten sie den Transport in der nähe von Caen aufhalten!

Doch sie mussten dafür, dass sie sich deutschem Atommüll in dem Weg stellten einen hohen Preis zahlen. Die Polizei verletzte sie bei der Räumung schwer. Zuvor hatte sie die Presse weg geschickt, damit sie in Ruhe foltern konnte. Einem Aktivisten trennte die Polizei zwei Sehnen mit der Flex. Andere wurden schwer verbrannt und musste anschließend operiert werden.

Die AktivistInnen wurden vor Gericht zu hohen Geldstrafen verurteilt. Ihre Anzeige wegen Körperverletzung gegen die Polizei wurde von der Staatsanwaltschaft nach wenigen Tagen eingestellt.

Damien, einem der AktivistInnen von GANVA, den ich gut kenne, weil er in Deutschland an einer Luftblockade eines Atomtransportes in Geestacht (Ottohahn-Brennstäbe die inzwischen in Lubmin lagern) beteiligt war, sagte mir neulich im Bezug auf der Gewalt der Polizei:
„Jetzt erst recht! Ich bin wütender denn je und will weiter kämpfen. Niemals aufgeben!“

Dem schließe ich mich an! Niemals aufgeben!

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Eine Antwort zu Rede zur Atomkraft in Frankreich

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