Wie will man die Landeshauptstadt evakuieren?

Weil das Land Niedersachsen 2009 eine Empfehlung der Strahlenschutzkom­mision in Landes­recht übernommen hat, liegen derzeit die Katastrophenschutzpläne der Kreis­behör­den zu den Atomkraftwerken Grohnde und Lingen zur Einsichtnahme aus. Heute ist das Jahr 2012 und es Spätsommer. D.h. man hat seit 2009 an den Unterlagen „rumgedoktert“ und hat es nicht einmal geschafft, die notwendigen Erkenntnisse nach Fukushima einzuarbeiten. Das Unglück in Japan ist nun schon bald 2 Jahre alt.
Auch erst nach einem Protest von Initiativen und Verbänden empfahl das Innenministerium, die Pläne auch ins Internet zu stellen, damit es jedermann einsehen und prüfen kann. Letztlich geht es ja auch „nur“ um einen Schutzplan für die Bevölkerung, die den Schutzplan nicht ohne weiteres zu Augen bekam. Auch andere Formen der Information der Bürger gibt es nicht, die Menschen lässt man besser unwissend und dumm, so die Vermutung.

Auf einer Pressekonferenz in Hannover nahmen kürzlich die Vertreter von zahlreichen Initiativen und Verbänden, die in der Regionalkonferenz Grohnde-abschalten zusammenarbeiten, Stellung und kündigten gleich eine Groß­aktion zum 2. Fukushima-Jahrestag im März 2013 an.

Geisterzüge im Flickentepptich
Für die Regionalkonferenz Grohnde-abschalten machte sich Tobias Darge (Göttingen) auf den Weg durch die zuständigen Kreisverwaltungen und wertete die jeweiligen Pläne zusammen mit den örtlichen Initiativen aus. Dabei entdeckte er nicht nur einen Flickenteppich höchst unterschied­licher Regelungen, sondern auch Skurriles. Da gibt es etwa Züge, die aus Hameln Menschen nach Hildesheim evakuieren sollen, aber in Hildesheim nie ankommen.

Zitat Tobias Darge:

Es gibt in der Landes­regierung offenbar niemanden, der die atomaren Katastrophenschutzplanung koordiniert oder darauf achtet, dass Mindeststandards erfüllt werden. Einmal mehr machen Bürgerinitiativen, was eigentlich Aufgabe der Landesregierung wäre.

Immer noch keine Konsequenzen aus Fukushima gezogen
Völlig inakzeptabel ist, so die Ärztin Dr. Angelika Claußen (Bielefeld) von der atomkrittischen Ärzteorganisation IPPNW, dass bezüglich der Ausbreitung und Höhe der Strahlenbe­lastung auch nach mehr als einem Jahr noch keine Konsequenzen aus Fukushima gezogen worden sind.

Dabei liegt dem Bundesumweltministerium bereits seit Herbst 2011 eine Studie des Bundesamtes für Strahlenschutz vor, die belegt, dass der Katastrophenschutz in Deutschland einem Super-GAU nicht gewachsen wäre. Einer von vielen Gründen ist, dass bisher nur von einer sehr kurzfristigen Frei­set­zung von Radionukliden bis zu 50 Stunden ausgegangen wird (Abschätzungen der Gesell­schaft für Reaktorsicherheit GRS). Lang andauernde Emissionen radioaktiver Spaltprodukte wie bei der Tschernobyl-Katastrophe (11 Tage) oder in Fukushima (25 Tage) werden nicht berück­sichtigt.

Auch der Richtwert für Evakuierungen ist in Deutschland mit 100 mSv viel zu hoch angesetzt. In Japan wurden Evakuierungen bei einem Eingreifsrichtwert von 20 mSv/Jahr durchgeführt. Selbst diesen Wert sehen viele Strahlenschützer noch als zu hoch an.

Zitat Angelika Claussen:

Aus Fukushima offensichtlich nichts gelernt. Man fragt sich, wen das Bundesumweltministerium eigentlich schützen will, die Bürger oder das Geschäft der Kraftwerks­betreiber.

Evakuierungspläne für Millionen?
Unzureichend sei auch, die Katastrophenplanung auf die unmittelbar angrenzenden Kreise zu begrenzen. Im Falle eines Super-GAUs müsse auch im Abstand von 170 KM mit erheblichen Strahlenbelastungen gerechnet werden. Das hänge jeweils vom Ablauf der Katastrophe und den Wetterbedingen ab, erläutert Ralf Strobach von der Bürgerinitiative Umweltschutz Hannover (BIU). Katastrophenschutzpläne wären also auch für Hannover oder Braunschweig erforderlich. Es könne durchaus sein, dass die Strahlenbelastung in Teilen von Hannover höher sei, als unmittelbar neben dem Reaktor in Grohnde. In Hannover gäbe es zwar 22 der bundesweit 120 Betten für die Notversorgung Strahlenopfern und einen Vorrat Jodtabletten, aber eben keinen Katastropenplan.

Zitat Strobach:

Wenn die Landesregierung weiter am Atomkraftwerk Grohnde festhält, muss sie sich konsequenter Weise auch überlegen, wie sie Hannover evakuieren will!
Natürlich sei das nicht möglich und schon deshalb die unverzügliche Stillegung des Reaktor geboten.

Katastrophenszenarium zum 2. Fukushima-Jahrestag
Auch für Deutschland sind große und größte Katastrophen nicht auszuschließen. Das zeigte die aktuelle Studie des Max-Planck Instituts für Chemie in Mainz vom Mai 2012. Darum plant die Regionalkonferenz Grohnde-abschalten für den 2. Fukushima-Jahrestag im März 2013 eine norddeutsche Großaktion, die auf einem mittleren Szenario basiert.

Zitat Peter Dickel:

Wir werden einladen, auf einem Radius etwa 40 km rund um den Reaktor Grohnde eine Aktionskette zu bilden und deutlich machen, wie viele Menschen von einer Katastrophe in einem deutschen Atomkraftwerk betroffen wären.

Entsetzen über Katastrophenschutzplan für Super-GAU
Die Behörden gehen immernoch davon aus, dass eine Evakuierung von 10 Kilometern um das AKW bei einem GAU ausreichen würde.

Zwar sei der Plan, der bei einem schweren Unfall im Atomkraftwerk mit Austritt von Radioaktivität die Sicherheit der Bevölkerung gewährleisten soll, nach Protesten jetzt auch im Internet einsehbar, am mangelhaften Inhalt ändert das aber nichts.

Zitat Bernd Schlinkmann:

Es hat dem Plan nicht gut getan, dass er offenbar jahrzehntelang nur im Giftschrank lag. Spätestens seit Tschernobyl hätte man erwarten können, dass selbst die Behörden erkennen, dass eine Evakuierung lediglich im Umkreis von zehn Kilometern um ein Atomkraftwerk völlig unzureichend ist.

Auch aus Fukushima sind keine Konsequenzen gezogen worden, neuere Berechnungen zur Ausbreitung von Radioaktivität vom Bundesamt für Strahlenschutz werden ignoriert.

Atomkraftgegner vermissen seit Jahren das Eingeständnis der Behörden, Politik und Betreiber, dass ein Schutz für die Bevölkerung bei einem Super-GAU unmöglich ist. Die Situation spitzt sich bei Anlagen in der Nähe von Großstädten dramatisch zu. Innerhalb von wenigen Stunden müssten Millionen Menschen evakuiert werden. Simulationen von Greenpeace belegen, dass ein GAU je nach Wind- und Niederschlagsverhältnissen nicht nur Deutschland sondern halb Europa großflächig unbewohnbar machen könnte.

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